Kohlenhydrate für Läufer: Energie, Glykogen und Leistungsfähigkeit
Kohlenhydrate sind für Läufer weder pauschal „gut“ noch in jeder Einheit in maximaler Menge nötig. Entscheidend ist die Kohlenhydratverfügbarkeit: Passt die verfügbare Menge aus Muskelglykogen, Leberglykogen, Blutglukose und zugeführten Kohlenhydraten zur Intensität und Dauer der Belastung? Für lockere kurze Läufe kann der Bedarf vergleichsweise gering sein. Bei langen Läufen, Intervallen, Tempodauerläufen und Wettkämpfen steigt dagegen die Bedeutung einer ausreichenden Kohlenhydratversorgung, weil mit zunehmender Intensität und Dauer die verfügbare Kohlenhydratmenge leistungsrelevant werden kann. Q01, Q03
Inhaltsverzeichnis (Klicken zum Ausklappen)
- Von Kohlenhydraten zu Laufenergie
- Glykogen und Ermüdung
- Wie viele Kohlenhydrate brauchen Läufer pro Tag?
- Kohlenhydrate vor dem Lauf
- Kohlenhydrate während des Laufens
- Gels, Sportgetränke oder normale Lebensmittel?
- Kohlenhydrate nach dem Lauf und Glykogenauffüllung
- „Train low“: absichtlich mit niedrigen Glykogenspeichern trainieren?
- Der Darm ist Teil der Wettkampfstrategie
- Praktische Einordnung für Läufer
- Häufige Fragen
- Braucht jeder Läufer täglich viele Kohlenhydrate?
- Sind Nüchternläufe grundsätzlich sinnvoll?
- Wie viele Kohlenhydrate pro Stunde sind bei langen Läufen sinnvoll?
- Sind 120 g Kohlenhydrate pro Stunde für Marathonläufer besser als 90 g?
- Brauche ich für Kohlenhydrate beim Laufen unbedingt Gels?
- Wie wichtig ist das Essen direkt nach dem Lauf?
- Wann ist Carbo-Loading sinnvoll?
- Wissenschaftliche Quellen
Die sporternährungswissenschaftliche Praxis verfolgt deshalb heute eher einen periodisierten Ansatz als die Vorstellung, jeder Trainingstag müsse identisch kohlenhydratreich sein. Die Zufuhr wird an Trainingsziel, Belastungsdauer, Intensität, Erholungszeit und individuelle Verträglichkeit angepasst. Q01, Q03
Von Kohlenhydraten zu Laufenergie
Nach der Verdauung gelangen verwertbare Kohlenhydrate überwiegend als Monosaccharide in den Stoffwechsel. Glukose kann im Blut zirkulieren, direkt oxidiert oder als Glykogen gespeichert werden. Für den Laufsport sind vor allem zwei Speicher relevant: Muskelglykogen in der arbeitenden Muskulatur und Leberglykogen als wichtiger Beitrag zur Stabilisierung der Blutglukose während längerer Belastungen. Q02, Q04
Muskelglykogen steht der jeweiligen Muskelzelle als lokaler Brennstoff zur Verfügung. Bei Belastung steigt seine Spaltung, und die freigesetzten Glukoseeinheiten können über die Glykolyse und die oxidative Energiegewinnung zur ATP-Bereitstellung beitragen. Die Nutzung hängt unter anderem von Trainingszustand, Ausgangsfüllstand, Belastungsintensität und -dauer ab. Eine Meta-Analyse von 181 Studien zu Radfahren und Laufen zeigt, dass besonders die Intensität und der anfängliche Glykogengehalt wichtige Bestimmungsgrößen des Glykogenverbrauchs sind. Q05
Die Leber erfüllt eine andere Aufgabe. Ihr Glykogen kann zu Glukose abgebaut und an das Blut abgegeben werden. Dadurch unterstützt sie die Aufrechterhaltung der Blutglukose, während arbeitende Muskeln gleichzeitig Glukose aus dem Blut aufnehmen. Bei längerer moderater bis hoher Ausdauerbelastung kann die endogene Kohlenhydratverfügbarkeit begrenzend werden. Q04
Warum die Intensität eine große Rolle spielt
Fett und Kohlenhydrate tragen beide zur Energiebereitstellung beim Ausdauerlauf bei. Die Anteile verschieben sich jedoch mit Intensität, Dauer, Trainingszustand und Ernährungsstatus. Bei höherer Intensität steigt typischerweise die Bedeutung der Kohlenhydratoxidation. Deshalb reagieren schnelle Intervalle, Tempoläufe oder ein zügiger Wettkampf stärker auf niedrige Kohlenhydratverfügbarkeit als ein lockerer Lauf mit geringer metabolischer Anforderung. Q03, Q04, Q05
Das erklärt auch, weshalb „mehr Fettverbrennung“ nicht automatisch „mehr Leistung“ bedeutet. Eine hohe Fähigkeit zur Fettverbrennung kann für Ausdauerathleten nützlich sein, ersetzt aber bei hohen Intensitäten nicht die Funktion von Kohlenhydraten als schnell verfügbarem Substrat. Die praktische Frage lautet daher nicht, ob Fett oder Kohlenhydrate „besser“ sind, sondern welche Substratverfügbarkeit für die konkrete Einheit sinnvoll ist. Q03, Q09
Glykogen und Ermüdung
Niedrige Glykogenspeicher sind seit Jahrzehnten mit einer verminderten Ausdauerleistungsfähigkeit verbunden. Trotzdem ist Ermüdung kein einfacher Schalter, der bei einem einzigen kritischen Glykogenwert umgelegt wird. Glykogen ist innerhalb der Muskelfaser in unterschiedlichen Kompartimenten gespeichert, und niedrige Verfügbarkeit kann neben der Energiebereitstellung auch Prozesse beeinflussen, die für die Muskelkontraktion wichtig sind. Q02
Eine hohe Kohlenhydratverfügbarkeit vor längeren Belastungen kann die Ausgangssituation verbessern. Gleichzeitig bedeutet Kohlenhydratzufuhr während des Laufens nicht, dass Muskelglykogen vollständig geschont wird. Eine aktuelle Meta-Analyse fand im Mittel lediglich einen kleinen, aber statistisch signifikanten glykogensparenden Effekt während längerer Ausdauerbelastungen. Kohlenhydrate während des Laufens wirken daher nicht nur über „Glykogensparen“, sondern auch über die Bereitstellung exogener Kohlenhydrate und die Unterstützung der Blutglukose und Kohlenhydratoxidation. Q15
Wie viele Kohlenhydrate brauchen Läufer pro Tag?
Die etablierten sporternährungswissenschaftlichen Empfehlungen formulieren den Tagesbedarf relativ zur Körpermasse und vor allem zur Trainingsbelastung. Diese Bereiche sind Orientierungswerte für Tage mit unterschiedlichem Trainingsumfang, keine Pflichtziele für jeden Läufer an jedem Tag. Q01, Q02
| Trainingsbelastung | Typisches Szenario | Orientierungsbereich pro Tag |
|---|---|---|
| niedrig | leichte Aktivität, Regeneration, sehr geringe Belastung | etwa 3–5 g Kohlenhydrate/kg Körpermasse Q01, Q02 |
| moderat | ungefähr 1 Stunde moderate Belastung pro Tag | etwa 5–7 g/kg/Tag Q01, Q02 |
| hoch | etwa 1–3 Stunden moderate bis hohe Ausdauerbelastung pro Tag | etwa 6–10 g/kg/Tag Q01, Q02 |
| sehr hoch | extreme Ausdauerbelastung, häufig mehr als 4–5 Stunden pro Tag | etwa 8–12 g/kg/Tag Q01, Q02 |
Die Spannweite ist bewusst groß. Zwei Läufer mit gleicher Körpermasse können an demselben Tag einen deutlich unterschiedlichen Bedarf haben, wenn Trainingsvolumen, Intensität, Energiebedarf und Erholungsziel verschieden sind. Auch innerhalb einer Trainingswoche kann eine höhere Kohlenhydratzufuhr an Schlüssel- und langen Lauftagen sinnvoll sein, während an leichten Tagen weniger benötigt wird. Q01, Q03
Für die Basisernährung sind kohlenhydratreiche Lebensmittel sinnvoll, die gleichzeitig weitere Nährstoffe liefern, etwa Getreideprodukte, Kartoffeln, Reis, Hülsenfrüchte, Obst und je nach Verträglichkeit Milchprodukte. In unmittelbarer Nähe zu intensiven oder langen Läufen kann dagegen eine geringere Ballaststoffmenge praktisch sein, wenn dadurch gastrointestinale Beschwerden reduziert werden. Sportgetränke, Gels oder andere spezielle Produkte sind Werkzeuge für bestimmte Situationen, keine Voraussetzung für eine grundsätzlich gute Läuferernährung. Q01, Q12
Kohlenhydrate vor dem Lauf
Vor normalen Trainingseinheiten
Nicht jede Laufeinheit braucht ein gezieltes „Carb-Loading“. Bei kurzen lockeren Einheiten reichen häufig die Kohlenhydrate aus den normalen Mahlzeiten und den vorhandenen Speichern. Anders sieht es vor langen Läufen, intensiven Intervallen, Tempodauerläufen oder Wettkämpfen aus: Wenn eine hohe Trainings- oder Wettkampfqualität erwünscht ist, sollte die Kohlenhydratverfügbarkeit bewusst abgesichert werden. Q01, Q03
Für Belastungen von mehr als etwa 60 Minuten nennt die gemeinsame Position von Academy of Nutrition and Dietetics, Dietitians of Canada und ACSM als Orientierungsbereich 1–4 g Kohlenhydrate pro kg Körpermasse in den 1–4 Stunden vor dem Start. Die konkrete Menge hängt vom zeitlichen Abstand, der Gesamtbelastung und der individuellen Magen-Darm-Verträglichkeit ab. Q01
Je näher die Mahlzeit am Lauf liegt, desto wichtiger werden praktische Faktoren: Sehr große Mengen, viel Fett, sehr ballaststoffreiche Speisen oder individuell schlecht verträgliche Lebensmittel können den Magen-Darm-Trakt belasten. Ein bewährtes Wettkampffrühstück ist deshalb oft wertvoller als eine theoretisch perfekte Mahlzeit, die im Training nie getestet wurde. Q01, Q13
Carbo-Loading vor langen Wettkämpfen
Für Wettkämpfe mit mehr als etwa 90 Minuten Dauer ist eine gezielte Erhöhung der Muskelglykogenspeicher etabliert. Für gut trainierte Marathonläufer werden etwa 10–12 g Kohlenhydrate/kg/Tag während der letzten 36–48 Stunden vor dem Rennen beschrieben, typischerweise zusammen mit reduziertem Trainingsumfang. Q01, Q10
Das ist deutlich mehr als die übliche Alltagszufuhr vieler Freizeitläufer. Deshalb sollte Carbo-Loading geplant und vor wichtigen Wettkämpfen nicht erstmals ausprobiert werden. Praktisch werden oft kohlenhydratreiche, relativ fett- und ballaststoffarme Lebensmittel gewählt, damit hohe Mengen erreichbar bleiben, ohne den Verdauungstrakt unnötig zu belasten. Q01, Q10
Kohlenhydrate während des Laufens
Die sinnvolle Zufuhr während des Laufens hängt in erster Linie von Dauer und Intensität ab. Die klassischen sporternährungswissenschaftlichen Bereiche lassen sich so zusammenfassen: Q01, Q03, Q07
| Belastungsdauer | Kohlenhydratstrategie während der Belastung |
|---|---|
| unter etwa 45 Minuten | in der Regel keine Kohlenhydratzufuhr nötig Q01 |
| etwa 45–75 Minuten bei hoher Intensität | kleine Mengen können genügen; auch Mundkontakt mit Kohlenhydraten wurde in Studien untersucht Q03, Q07 |
| etwa 1–2,5 Stunden | typischer Zielbereich 30–60 g/h Q03, Q07 |
| länger als etwa 2,5–3 Stunden | bis etwa 90 g/h können sinnvoll sein; bei hohen Raten werden mehrere transportierbare Kohlenhydrate verwendet Q03, Q07 |
Meta-Analysen bestätigen insgesamt einen leistungsfördernden Effekt akuter Kohlenhydratzufuhr bei Ausdauerbelastungen, wobei der Nutzen mit längerer Belastungsdauer tendenziell deutlicher wird. Die Effektgröße hängt allerdings vom Testdesign, Trainingszustand, der vorherigen Ernährung und weiteren Faktoren ab. Q06 Eine 2026 veröffentlichte Übersicht über systematische Reviews kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Kohlenhydratzufuhr besonders bei Ausdauerbelastungen von etwa 1–4 Stunden relevant sein kann; zugleich bewerteten die Autoren die methodische Qualität vieler eingeschlossener Reviews als niedrig oder kritisch niedrig. Q14
Warum Glukose plus Fruktose bei hohen Raten eingesetzt wird
Bei steigenden Zufuhrraten wird die Aufnahme eines einzelnen Kohlenhydrattyps im Darm zunehmend limitiert. Kombinationen aus Glukose beziehungsweise glucosebasierten Kohlenhydraten und Fruktose nutzen unterschiedliche intestinale Transportwege und können dadurch höhere exogene Kohlenhydratoxidationsraten ermöglichen. Deshalb werden bei langen Belastungen mit hohen Zufuhrzielen häufig Mischungen aus mehreren transportierbaren Kohlenhydraten eingesetzt. Q07, Q13
Bis etwa 60 g/h ist eine einzelne geeignete Kohlenhydratquelle oft ausreichend. Bei Zielen um 90 g/h gewinnen Glukose-Fruktose-Mischungen an Bedeutung. Q07
Sind 120 g/h schon der neue Standard?
Nein. Höhere Raten werden intensiv untersucht, sollten aber nicht automatisch als neue allgemeine Empfehlung interpretiert werden. Eine 2025 veröffentlichte Studie mit acht sehr gut trainierten männlichen Marathonläufern verglich 60, 90 und 120 g/h. Bei 120 g/h waren die exogene und die gesamte Kohlenhydratoxidation höher als bei 60 und 90 g/h; die gemessene Laufökonomie war gegenüber 60 g/h günstiger, gegenüber 90 g/h zeigte sich dagegen kein signifikanter Unterschied. Zugleich traten bei allen Bedingungen gastrointestinale Symptome auf, und die Autoren betonten ausdrücklich, dass die Auswirkungen auf die Wettkampfleistung noch geklärt werden müssen. Q11
Für die Praxis bedeutet das: 90 g/h ist ein etablierter Bereich für lange Ausdauerbelastungen; deutlich höhere Raten sind eine spezialisierte Strategie mit noch begrenzter Evidenz, nicht die Standardvorgabe für jeden Marathonläufer. Q03, Q07, Q11
Gels, Sportgetränke oder normale Lebensmittel?
Entscheidend ist nicht die Verpackung, sondern ob die geplante Kohlenhydratmenge praktisch verfügbar, gut verträglich und unter Belastung tatsächlich zuführbar ist. Eine systematische Übersichtsarbeit, die Lebensmittel mit Supplementquellen verglich, fand insgesamt ähnliche Leistungs- beziehungsweise Kapazitätsreaktionen; allerdings war die Datenlage heterogen und für Laufen deutlich dünner als für Radfahren. Einige Lebensmittel verursachten zudem etwas mehr gastrointestinale Beschwerden. Q12
Für längere Läufe können deshalb verschiedene Formen sinnvoll sein:
- Getränke liefern Kohlenhydrate und Flüssigkeit gleichzeitig und lassen sich in kleinen Portionen zuführen.
- Gels sind kompakt und erlauben eine relativ präzise Planung der Gramm pro Stunde.
- Kaubonbons oder weiche Riegel können Abwechslung bringen, sind beim schnellen Laufen aber nicht für jeden angenehm.
- Normale Lebensmittel können ebenfalls funktionieren, wenn Kauen und Verdauung unter Belastung gut vertragen werden. Q12
Wichtiger als die Produktkategorie ist, dass die Wettkampfstrategie im Training erprobt wird. Q13
Kohlenhydrate nach dem Lauf und Glykogenauffüllung
Nach belastenden Ausdauereinheiten beginnt die Wiederauffüllung der Glykogenspeicher. Wie aggressiv die Kohlenhydratzufuhr geplant werden muss, hängt vor allem davon ab, wie schnell die nächste anspruchsvolle Einheit folgt. Q02, Q08
Wenn weniger als etwa acht Stunden bis zur nächsten fordernden Belastung bleiben, ist eine schnelle Wiederauffüllung sinnvoll. Leitlinien nennen dafür ungefähr 1–1,2 g Kohlenhydrate/kg Körpermasse pro Stunde in den ersten vier Stunden. Q01 Eine systematische Review und Meta-Analyse zur kurzfristigen Regeneration bestätigt, dass regelmäßige Kohlenhydratzufuhr die Muskelglykogenresynthese gegenüber nicht-kalorischer Kontrolle erhöht. Q08
Protein ist für Reparatur- und Anpassungsprozesse wichtig, steigert die Glykogenresynthese aber nicht zwangsläufig zusätzlich, wenn bereits ausreichend Kohlenhydrate zugeführt werden. In der Meta-Analyse von Craven und Kollegen brachte die Kombination aus Kohlenhydraten und Protein bei vergleichbaren Bedingungen keinen zusätzlichen Vorteil für die Glykogenresyntheserate gegenüber Kohlenhydraten allein. Q08
Ist dagegen ein ganzer Tag oder länger bis zur nächsten Schlüsselbelastung verfügbar, wird die gesamte Kohlenhydratzufuhr über den Erholungszeitraum wichtiger als ein enges Minutenfenster direkt nach dem Lauf. Q02, Q08
„Train low“: absichtlich mit niedrigen Glykogenspeichern trainieren?
Niedrige Kohlenhydratverfügbarkeit kann bestimmte molekulare Signale verstärken, die mit Ausdaueranpassungen zusammenhängen. Daraus entstand die Idee, ausgewählte Einheiten mit niedriger Kohlenhydratverfügbarkeit zu absolvieren, während wichtige Qualitäts- und Wettkampfeinheiten mit hoher Verfügbarkeit durchgeführt werden. Q03, Q09
Das bedeutet jedoch nicht, dass „weniger Kohlenhydrate“ automatisch bessere Trainingsanpassung oder bessere Wettkampfleistung erzeugt. Eine Meta-Analyse bei ausdauertrainierten Athleten fand keinen überlegenen Effekt einer periodisierten Kohlenhydratrestriktion auf die Ausdauerleistung im Vergleich zu Training mit normaler beziehungsweise hoher Kohlenhydratverfügbarkeit. Ein praktisches Problem ist zudem, dass niedrige Verfügbarkeit die Qualität intensiver Trainingseinheiten reduzieren kann. Q09
Für die meisten Läufer ist daher eine einfache Priorisierung plausibel: Schlüsseltrainings, lange spezifische Läufe und Wettkämpfe ausreichend versorgen; eine absichtlich niedrige Kohlenhydratverfügbarkeit nur gezielt einsetzen, wenn sie in die Trainingsplanung passt und die Qualität wichtiger Einheiten nicht beeinträchtigt. Q01, Q09
Der Darm ist Teil der Wettkampfstrategie
Hohe Kohlenhydratzufuhr hilft nur, wenn sie vertragen wird. Gerade bei Ausdauerbelastungen sind gastrointestinale Beschwerden häufig; hohe Intensität, Flüssigkeitshaushalt und Nahrungsaufnahme können dabei eine Rolle spielen. Der Verdauungstrakt ist jedoch anpassungsfähig. Wiederholte Zufuhr von Kohlenhydraten während des Trainings kann Magenkomfort, Aufnahme und Verträglichkeit verbessern; dieses Konzept wird häufig als „gut training“ bezeichnet. Q13
Das Training der Verpflegung sollte deshalb Teil der Wettkampfvorbereitung sein. Sinnvoll ist, die geplante Menge pro Stunde, Produktform, Trinkmenge und Einnahmeabstände in langen oder wettkampfspezifischen Einheiten zu testen. Deutlich höhere Zufuhrmengen sollten nicht erstmals am Wettkampftag eingesetzt, sondern zuvor im Training erprobt werden. Q13
Die Studie mit 120 g/h bei Elite-Marathonläufern verdeutlicht die Grenzen der Übertragbarkeit hoher Zufuhrmengen: Trotz sehr gut trainierter Probanden traten moderate bis schwere gastrointestinale Symptome auf, bei 120 g/h teils stärker. Q11
Praktische Einordnung für Läufer
Eine sinnvolle Kohlenhydratstrategie orientiert sich nicht an einem einzelnen Tageswert, sondern am Trainingsplan:
- Lockere, kurze Einheiten: normale Ernährung reicht häufig aus; zusätzliche Gels sind meist nicht nötig. Q01
- Intensive Schlüsseltrainings: ausreichende Kohlenhydratverfügbarkeit vor und gegebenenfalls während der Einheit unterstützt die Fähigkeit, die geplante Intensität zu erreichen. Q03, Q06
- Lange Läufe: die Zufuhr während der Belastung kann gleichzeitig die Einheit unterstützen und als Training der späteren Wettkampfverpflegung dienen. Q03, Q13
- Halbmarathon und Marathon: die Strategie sollte Dauer, individuelle Leistungsklasse, vorherige Ernährung und Verträglichkeit berücksichtigen; bei Marathonbelastungen ist sowohl die Glykogenauffüllung vor dem Start als auch die Kohlenhydratzufuhr während des Rennens relevant. Q01, Q03, Q10
- Schnelle Erholung zwischen zwei harten Einheiten: hier ist die frühzeitige und regelmäßige Kohlenhydratzufuhr besonders wichtig. Q01, Q08
Die wichtigste praktische Konsequenz lautet: Kohlenhydrate sollten dort verfügbar sein, wo die Trainings- oder Wettkampfqualität davon profitiert. Gleichzeitig müssen Zufuhrmenge und Produktform zur individuellen Verträglichkeit passen. Q01, Q03
Häufige Fragen
Braucht jeder Läufer täglich viele Kohlenhydrate?
Nein. Der Bedarf hängt von Trainingsumfang, Intensität, Körpermasse, Energiebedarf und dem Ziel der jeweiligen Einheit ab. Sporternährungsleitlinien reichen deshalb von ungefähr 3–5 g/kg/Tag bei niedriger Belastung bis 8–12 g/kg/Tag bei sehr hohen Ausdauerumfängen. Diese Bereiche sind Orientierung und sollten an die tatsächliche Belastung angepasst werden. Q01, Q02
Sind Nüchternläufe grundsätzlich sinnvoll?
Sie können gezielt eingesetzt werden, wenn eine niedrige Kohlenhydratverfügbarkeit Teil des Trainingskonzepts ist. Die verfügbare Evidenz zeigt aber keinen generellen Leistungsvorteil einer periodisierten Kohlenhydratrestriktion, und intensive Einheiten können unter niedriger Verfügbarkeit an Qualität verlieren. Für Schlüsseltrainings und Wettkämpfe ist eine ausreichende Kohlenhydratverfügbarkeit meist die robustere Strategie. Q09
Wie viele Kohlenhydrate pro Stunde sind bei langen Läufen sinnvoll?
Für Belastungen von etwa 1–2,5 Stunden werden häufig 30–60 g/h empfohlen. Bei Belastungen über etwa 2,5–3 Stunden können bis ungefähr 90 g/h sinnvoll sein, wobei bei höheren Raten meist Glukose-Fruktose-Kombinationen eingesetzt werden. Die tatsächliche Zielmenge sollte im Training getestet werden. Q03, Q07, Q13
Sind 120 g Kohlenhydrate pro Stunde für Marathonläufer besser als 90 g?
Das ist derzeit nicht als allgemeine Empfehlung belegt. Eine kleine Studie bei acht männlichen Elite-Marathonläufern zeigte bei 120 g/h eine höhere exogene und gesamte Kohlenhydratoxidation als bei 60 und 90 g/h. Die Laufökonomie war gegenüber 60 g/h günstiger; gegenüber 90 g/h zeigte sich kein signifikanter Unterschied. Ein Wettkampfleistungsvorteil ist damit nicht belegt. Gleichzeitig traten gastrointestinale Symptome auf. Q11
Brauche ich für Kohlenhydrate beim Laufen unbedingt Gels?
Nein. Kohlenhydrate können aus Getränken, Gels, Kauprodukten oder geeigneten Lebensmitteln kommen. Eine systematische Review fand insgesamt keine klaren Leistungsunterschiede zwischen Lebensmittel- und Supplementquellen, allerdings war die Studienlage heterogen und beim Laufen begrenzt. Entscheidend sind Verträglichkeit, praktische Handhabung und die tatsächlich erreichte Kohlenhydratmenge. Q12
Wie wichtig ist das Essen direkt nach dem Lauf?
Besonders wichtig ist die frühe Kohlenhydratzufuhr, wenn innerhalb weniger Stunden eine weitere fordernde Einheit folgt. Dann werden etwa 1–1,2 g/kg/h in den ersten Stunden empfohlen. Bei längeren Erholungszeiten zählt stärker die gesamte Kohlenhydratzufuhr über den Tag. Q01, Q08
Wann ist Carbo-Loading sinnvoll?
Carbo-Loading ist vor allem für lange Wettkämpfe relevant, typischerweise bei Belastungen über etwa 90 Minuten. Für Marathonläufer werden etwa 10–12 g/kg/Tag über 36–48 Stunden vor dem Rennen beschrieben. Für kurze Läufe ist eine solche Strategie normalerweise nicht erforderlich. Q01, Q10
Wissenschaftliche Quellen
Q01
- Q01 – Thomas DT, Erdman KA, Burke LM (2016). American College of Sports Medicine Joint Position Statement. Nutrition and Athletic Performance. Medicine & Science in Sports & Exercise, 48(3), 543–568. DOI:
10.1249/MSS.0000000000000852. PMID:26891166. Erratum: Medicine & Science in Sports & Exercise (2017), 49(1), 222. DOI:10.1249/MSS.0000000000001162. PMID:27992398. Originalquelle
Q02
- Q02 – Murray B, Rosenbloom C (2018). Fundamentals of glycogen metabolism for coaches and athletes. Nutrition Reviews, 76(4), 243–259. DOI:
10.1093/nutrit/nuy001. PMID:29444266. PMCID:PMC6019055. Originalquelle
Q03
- Q03 – Burke LM, Hawley JA, Wong SHS, Jeukendrup AE (2011). Carbohydrates for training and competition. Journal of Sports Sciences, 29(Suppl 1), S17–S27. DOI:
10.1080/02640414.2011.585473. PMID:21660838. Originalquelle
Q04
- Q04 – Gonzalez JT, Fuchs CJ, Betts JA, van Loon LJC (2016). Liver glycogen metabolism during and after prolonged endurance-type exercise. American Journal of Physiology-Endocrinology and Metabolism, 311(3), E543–E553. DOI:
10.1152/ajpendo.00232.2016. PMID:27436612. Originalquelle
Q05
- Q05 – Areta JL, Hopkins WG (2018). Skeletal Muscle Glycogen Content at Rest and During Endurance Exercise in Humans: A Meta-Analysis. Sports Medicine, 48(9), 2091–2102. DOI:
10.1007/s40279-018-0941-1. PMID:29923148. Originalquelle
Q06
- Q06 – Ramos-Campo DJ, Clemente-Suárez VJ, Cupeiro R, Benítez-Muñoz JA, Andreu Caravaca L, Rubio-Arias JÁ (2024). The ergogenic effects of acute carbohydrate feeding on endurance performance: a systematic review, meta-analysis and meta-regression. Critical Reviews in Food Science and Nutrition, 64(30), 11196–11205. DOI:
10.1080/10408398.2023.2233633. PMID:37449467. Originalquelle
Q07
- Q07 – Jeukendrup A (2014). A Step Towards Personalized Sports Nutrition: Carbohydrate Intake During Exercise. Sports Medicine, 44(Suppl 1), S25–S33. DOI:
10.1007/s40279-014-0148-z. PMID:24791914. PMCID:PMC4008807. Originalquelle
Q08
- Q08 – Craven J, Desbrow B, Sabapathy S, Bellinger P, McCartney D, Irwin C (2021). The Effect of Consuming Carbohydrate With and Without Protein on the Rate of Muscle Glycogen Re-synthesis During Short-Term Post-exercise Recovery: a Systematic Review and Meta-analysis. Sports Medicine - Open, 7(1), 9. DOI:
10.1186/s40798-020-00297-0. PMID:33507402. PMCID:PMC7843684. Originalquelle
Q09
- Q09 – Gejl KD, Nybo L (2021). Performance effects of periodized carbohydrate restriction in endurance trained athletes - a systematic review and meta-analysis. Journal of the International Society of Sports Nutrition, 18(1), 37. DOI:
10.1186/s12970-021-00435-3. PMID:34001184. PMCID:PMC8127206. Originalquelle
Q10
- Q10 – Burke LM (2007). Nutrition strategies for the marathon: fuel for training and racing. Sports Medicine, 37(4–5), 344–347. DOI:
10.2165/00007256-200737040-00018. PMID:17465604. Originalquelle
Q11
- Q11 – Ravikanti S, Silang KG, Martyn HJ, Johnson KO, Louis JB, Bampouras TM, Owens DJ, Jones AM, Morton JP, Pugh JNP (2025). 13C-labelled glucose-fructose show greater exogenous and whole-body CHO oxidation and lower O2 cost of running at 120 versus 60 and 90 g·h−1 in elite male marathoners. Journal of Applied Physiology, 139(6), 1581–1595. DOI:
10.1152/japplphysiol.00665.2025. PMID:41191077. Originalquelle
Q12
- Q12 – Reynolds KM, Clifford T, Mears SA, James LJ (2022). A Food First Approach to Carbohydrate Supplementation in Endurance Exercise: A Systematic Review. International Journal of Sport Nutrition and Exercise Metabolism, 32(4), 296–310. DOI:
10.1123/ijsnem.2021-0261. PMID:35231883. Originalquelle
Q13
- Q13 – Jeukendrup AE (2017). Training the Gut for Athletes. Sports Medicine, 47(Suppl 1), 101–110. DOI:
10.1007/s40279-017-0690-6. PMID:28332114. PMCID:PMC5371619. Originalquelle
Q14
- Q14 – Tarrit B, Moretton C, Duclos M, Metz L, Chanseaume-Bussiere E, Ennequin G, Thivel D, Rannou F (2026). Interest of carbohydrate consumption during endurance exercise: a systematic review of systematic and meta-analyses of RCTs. The Journal of Sports Medicine and Physical Fitness, 66(4), 502–512. DOI:
10.23736/S0022-4707.25.17488-4. PMID:41885724. Originalquelle
Q15
- Q15 – Rothschild JA, Dudley-Rode H, Carpenter H, Smith ASM, Plews DJ, Maunder E (2026). Carbohydrate ingestion during prolonged exercise and net skeletal muscle glycogen utilization: a meta-analysis. Journal of Applied Physiology, 140(1), 76–87. DOI:
10.1152/japplphysiol.00861.2025. PMID:41363659. Originalquelle
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische oder therapeutische Beratung. Mehr dazu im Gesundheits- und Quellenhinweis.